Schlaganfall trifft auf Multiple Sklerose

Schlaganfall trifft auf Multiple Sklerose

23. Mai 2019 Aus Von Anja Brasche

Niemand kann sagen, was uns die Zukunft so bringen wird. Kein Mensch kann prophezeien wie unser Leben verlaufen und nicht eine einzige Person uns versprechen, dass alles immer gut und friedlich für uns ausgeht. Wir können unser zukünftiges Leben zwar planen, uns dabei auch begrenzt absichern und unsere abgesteckten Ziele umsetzen. Doch manchmal werden wir dabei gestört, kommt uns etwas Unvorhergesehenes in die Quere – es verläuft eben nicht immer alles nach Plan.

In meinem ersten Beitrag habe ich zugegeben, dass ich ein heißbegehrter Typ bin. Die Multiple Sklerose liegt mir seit vielen Jahren zu Füßen (eher auf diesen), hat mein Leben vollends verändert und sehr stark eingeschränkt. Sie bringt mir Schmerzen, Spastiken und hindert mich an einem normalen Leben. Vergöttert werde ich seit einer Nierenstein-OP von einem Keim, der ziemlich aufdringlich meine Blase besetzt hat. Da er sich durch die Medikamenten-Polizei bislang nicht verscheuchen lässt, kann mir niemand sagen, ob er meine Blasenkrämpfe verursacht oder die Multiple Sklerose ihren Anteil an den immer wiederkehrenden, höllischen Schmerzen hat.

Gedanken meiner Schwester

Viele Jahre haben wir nicht wirklich über die Multiple Sklerose gesprochen. Sie war allgegenwärtig – auf Geburtstagen und anderen Feierlichkeiten. Aber irgendwie haben wir es alle fertig gebracht und zugelassen, darüber hinwegzusehen, uns nicht darüber zu unterhalten, dieser heimtückischen Krankheit keinen Platz zu geben. Doch im Nachhinein war das keine Option, denn diese Variante schürt auf Dauer immer seltenere Treffen – vor allem wegen der großen Unsicherheit. Mir tat es weh, wenn ich nur zusehen und nicht helfen konnte – wenn ich nur oberflächlich zugelassen wurde. Aber das haben wir geändert. Und so gibt es von mir seit einiger Zeit regelmäßige Frontalbesuche. Direkt – ehrlich – endlich!

 Symptome meiner beiden Schlaganfälle

Obwohl ich sowieso schon nicht mehr wirklich in der Lage bin, meine Extremitäten so zu steuern, wie ich es gerne hätte, scheint es, als würde ich mich bei der Verteilung an Unvorhergesehenem ständig melden. Und wieder mal war ich an der Reihe. Zwei Schlaganfälle gehören nun fortan zu meinem Lebenslauf – wobei „Lebenssitz“ oder „Lebensliege“ meine derzeitige Situation schon eher treffen würde.

Plötzlich war da irgendetwas anders. Wir waren aus einem erholsamen und wunderschönen Urlaub zurück und doch fühlte ich mich nicht wie sonst. Ich hatte weitere Bewegungsstörungen (hätte nicht geahnt, dass das überhaupt noch möglich ist), die ich aber eher der MS oder einer Ermüdung zuschreiben wollte. Das linke Augenlid konnte ich nicht mehr richtig schließen und öffnen und das Sprechen fiel mir schwerer als sonst. Und wenn ich meinen Mund zu einem Lächeln bewegte, wollte der linke Mundwinkel nicht mitspielen. Im Nachhinein waren das natürlich alles eindeutige Anzeichen, aber ….bla bla bla. Erstmal abwarten!

Die Schlaganfälle meines Bruders sind für mich wie Schläge ins Gesicht. Meine Gefühlswelt sinkt in sich zusammen und muss erst einmal wieder geordnet werden. Viele Sachen sind für mich in der letzten Zeit belanglos geworden, andere immer wichtiger. Und ich würde so gerne mehr helfen können…

 Zungenbrecher für die Sprechfähigkeit

Nach ein paar Tagen Aufenthalt in einem allgemeinen Krankenhaus befinde ich mich nun in der Reha-Klinik. Bewegungsunfähiger als je zuvor. Aber ich habe meine Augen, kann sprachlich gut kommunizieren, bin eingeschränkt smartphonenutzungsfähig, kann handliche Nahrungsmittel teilweise alleine essen, meine Augenlider wieder öffnen und schließen; und am etwas hängenden Mundwinkel arbeite ich. Zungenbrechersätze fallen mir nur schwer, wenn ich über die Stolpersteine eher ins Lachen gerate, was mir aber in meiner Situation immer wieder gut tut. Und deswegen möchte ich auch meine lieben Freunde nicht missen, die mich all die Jahre super unterstützt haben, mich immer noch besuchen, mich mitreißen und mir nicht das Gefühl geben, krank zu sein.

Zusammen werden wir das schaffen, aufgeben ist keine Option. Ich nehme die Schlaganfälle als Gegner an und werde kämpfen. Es ist nicht leicht, nicht immer passt Humor und auch meine Tränen brauchen ihren Platz.

Wahnsinn – mein Bruder ist so stark. Woher nimmt er nur diese ganze Kraft. Oft liege ich nachts wach und versuche mich in seine Lage hineinzuversetzen. Und dann kullern mir die Tränen. Weil ich das Ganze so ungerecht finde. Weil ich ihm ein einfacheres Leben so sehr wünsche. Weil ich gegen die Multiple Sklerose nichts ausrichten kann. Und gleichzeitig weiß ich, dass es weitergehen muss und wird. Und mit jedem Besuch, mit jeder kleinen Besserung, mit jedem gemeinsamen Lachen wird die Welt wieder ein wenig schöner.