Multiple Sklerose: Mein Leben mit der Krankheit MS

Multiple Sklerose: Mein Leben mit der Krankheit MS

23. März 2019 Aus Von Anja Brasche

Hallo. Ich bin der Neue in der Bloggerlandschaft, sozusagen Frischfleisch im Internet. Männlich, 54 Jahre, glücklich verheiratet und Vater zweier toller, erwachsener Kinder. Ich liebe meine Frau; und trotzdem lebe ich in Polygamie – unfreiwillig.

Krankheit der 1000 Gesichter

Vor vielen Jahren hat es EINE auf mich abgesehen und mich auserwählt. SIE hat mich unbemerkt gestalkt, sich langsam und heimlich in mein Leben geschlichen, mir kleine Aufmerksamkeiten aufgedrängt, um mich dann schließlich fest zu umklammern und nicht mehr loszulassen. Es ist eine einseitige Liebe. Ihr Vorname: Multiple, Nachname: Sklerose. Sie hat mehrere Liebschaften, ich bin nicht der einzige. Und von ihren 1000 Gesichtern schenkte sie mir ihr hässlichstes: eine Fratze. Und so sehr ich auch versucht habe mich von ihr zu trennen, ich bin sie nicht wieder losgeworden. Sie saugt sich an mir fest, umschließt mich unwiderruflich. Sie lähmt mich und lässt meine Glieder steif werden und verkrampfen – nur leider nicht aus Wollust.

Hilfsmittel bei Behinderung

Meine Vorstellung à la Sparkassen-Werbung: Mein Haus, mein Auto, mein Garten mit zwei Hasen, mein Schwerbehindertenausweis, meine Pflegestufe 3.

Mit meinem Fuhrpark könnte ich als Subunternehmer agieren:  Zwei Rollatoren, einen manuellen und einen elektrischen Rollstuhl, einen T5 mit Hebebühne und zwei Treppenlifte – einen indoor und einen outdoor. Den Bus fährt derzeit meine Frau und er ermöglicht mir, im Rollstuhl sitzend zum und ins Auto zu gelangen, um dadurch etwas mehr an Flexibilität zu gewinnen.

Klebsiella pneumoniae: Ein Keim in der Blase

Nicht nur Fuhrunternehmer, auch Hotelwirt: Ich habe seit kurzem einen ständigen Gast, ebenfalls lästig und ungebeten. Wenn ich vorstellen darf: Klebsiella pneumoniae. Ein Keim. Er liebt es feucht und warm und hat es sich in meiner Blase gemütlich gemacht – wohl seit einer kürzlich vorgenommen Nierensteinentfernung. Er ist eigentlich ein ganz normaler Keim in unserem Verdauungstrakt, hat aber außerhalb diesem überhaupt nichts zu suchen. Antibiotika sind leider kein Gegner für ihn und wahrscheinlich beschert er mir grad viele schmerzhafte Blasenspastiken.

Hilfe durch Bloggen

Warum lernt ihr mich erst jetzt kennen? Warum blogge ich, männlich, im noch jungen Blog meiner Schwester: Die graue Bloggerin?

Weil es eben so ist. Ich bin es nicht gewohnt, mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen und meiner Geschichte hausieren zu gehen. Bislang habe ich alles in kleinem Rahmen gehalten und hatte keine Ambition, keinen Moment des Nachdenkens darüber, mich anderen Menschen mitzuteilen. Aber vielleicht bringt es die Zeit einfach grad mit sich. Das tägliche Fertigmachen, die Anwendungen der Physio- und Ergotherapie, das Zurücklegen von nur wenigen Metern auf meinen Beinen – das alles erfordert so viel Kraft und Energie, dass es mir nicht möglich ist, selbstständig einen eigenen Blog zu betreiben. Wir halten es ganz einfach: ich gebe den Input und meine Schwester schreibt. Es ist eine gemeinsame, aufeinander abgestimmte Blogarbeit. Wir wissen beide nicht, zu was es führt, was es bewirkt und was es uns selber und anderen bringt. Wir machen es einfach.

MS Symptome: Spastiken und Krämpfe gehören zur Krankheit

Nach dem Motto: „Einfach mal machen – könnte ja helfen“ hilft es womöglich anderen  an Multipler Sklerose- oder anderweitig Erkrankten, ihre eigene Situation entschärft zu sehen. Vielleicht aber auch anderen Mitmenschen wie Freunden, Bekannten, Verwandten und Nachbarn, mit weniger Problemen und ohne Mitleid auf mich und andere Behinderte zuzugehen. Nicht wegzuschauen, uns zu akzeptieren wie wir sind. Auch wenn meine Beine sich ab und an selbstständig machen, meine Arme und mein Körper von Spastiken heimgesucht werden – dann bin ich immer noch ich. Mit meinen Augen, meiner Stimme, meinen Gedanken und meinen Gefühlen.

Die spastischen Krämpfe gehören zu mir, wie zu uns allen das Atmen, das Augenzwinkern und das Niesen. Ich muss mich nicht schämen, dass mich die MS liebt. Und ihr nicht, wenn ihr in mir unkontrollierten Situationen einfach bei mir bleibt und es als Teil von mir annehmt.

Habt keine Angst!