Körperliche Behinderung – Unterstützung von kranken Angehörigen

Körperliche Behinderung – Unterstützung von kranken Angehörigen

14. Juli 2019 Aus Von Anja Brasche

Körperlich behinderte Menschen bedürfen oftmals unserer Hilfe und unserer Unterstützung. Was sie nicht gebrauchen können ist Mitleid, welches sich in Form von ÜBERHÜTUNG äußert.

Wenn uns wirklich interessiert, wie es jemandem physisch und auch psychisch geht, sind persönliche Besuche die klügste Wahl. Nur so bekommen wir gewünschte Informationen aus erster Hand – und nicht etwa von Dritten, durch unter- oder auch übertriebene Berichte. Und nur so ist es uns möglich, uns eine eigene Meinung zu bilden, zu unterstützen und gegebenenfalls auch mal die eigene Sichtweise zu überdenken.

Multiple Sklerose mit zwei Schlaganfällen – Woche 2 in der Rehabilitationsklinik

Zeit schenken: Besuch in der Reha

Heute ist mein Bruder-Besuchstag – die Multiple Sklerose hat ihn seit Jahren irreversibel im Griff und infolge zweier Schlaganfälle ist die Reha-Klinik übergangweise zu seinem Zuhause geworden. Bei meinem letzten Besuch und den vorherigen Krankenhaus-Besuchen war er noch ans Bett „gefesselt“ – ohne Handschellen! Wie werden wir die gemeinsame Zeit heute wohl verbringen? Die dreiviertelstündige Fahrt schenkt mir Zeit für Gedanken und lässt meine Gefühle Karussel fahren. Ich bemerke eine ganz leichte Nervosität, schließlich kann jeder Besuch anders ausfallen und verändert auch mich ein kleines Stück. Die Multiple Sklerose mit ihren unfairen Attacken ist unvorhersehbar. Es gibt immer wieder kleine Schritte vor, aber auch mal größere zurück. Die Welt können wir grad nicht rumreißen, aber gemeinsame Stunden verbringen, in denen ich auch Unterstützung schenken kann. Es erinnert mich an vergangene Zeiten, als wir als Kinder noch zusammen mit Bauklötzen gespielt haben. Mein großer Bruder und ich. Heute bauen wir auch wieder Lego in Anlehnung an die Ergotherapie, aber anders als in Kinderzeiten. Kein gegenseitiges Kaputtmachen und Stänkern mehr, sondern gemeinsames Aufbauen.

Der Rollstuhl zum Vorwärtskommen

Ich betrete das Zimmer und da sitzt er – wartend – im Rollstuhl! Mein Herz macht einen Freudensprung und gleichzeitig weicht meine zuvor gefühlte Mini-Nervosität. Denn im Rollstuhl sitzen bedeutet: es geht vorwärts. Ich strahle wahrscheinlich wie ein Honigkuchenpferd und plappere auch gleich drauflos, um unsere gemeinsame Zeit zu verplanen: „Hey Brüderchen, geht´s dir gut? Mensch, du sitzt ja schon im Rollstuhl? Prima! Gab’s schon Mittagessen? Hast du Hunger? Gibt’s hier ne  Kantine? Da können wir Kuchen essen und Kaffee trinken. Oder lieber ein Eis? Vielleicht wäre auch ein Spaziergang klasse? Ist so schön draußen, aber kalt – dann müssten wir dir eine Jacke anziehen! Aber eine dickere! Können dann ja auch hinterher noch schnabulieren? Mmmmhhhh? Was meinst du?“

STILLE.

Was ist los mit ihm? Warum guckt er mich so komisch an und sagt nichts? Was starrt er bloß so? In mir keimt sofort ein schrecklicher Gedanke: Ein dritter Schlaganfall?

Unterhaltung mit körperlicher Behinderung

Befinde ich mich hier in einer Rehabilitationsklinik oder im Verhörraum eines Gefängnisses? Ehrlich, riesen Dank all denen, die sich Zeit für mich nehmen, sich um mich kümmern, mir helfen und mich bei meiner schweren Krankheit unterstützen. Denn alleine kann ich mein Leben nicht mehr bewältigen. Ich freue mich über Besuche jeder Art, sie bringen mir Abwechslung in die langen Reha-Wochen und natürlich auch zu Hause. Und durch sie fühle ich mich der Gesellschaft zugehörig, denn meine eigenen Besuche in die Außenwelt sind sehr begrenzt.

Ich bin körperlich behindert – ja – aber nicht geistig und ich bin auch kein Kleinkind. Mir muss nicht alles vorgekaut werden! Auf Füttern bin ich zwar derzeit angewiesen, aber selber kauen und schlucken klappt prima. Ich kann mich unterhalten – wenn man mich nur lässt und mir nicht vorher schon den Bauch mit geschlossenen Fragen durchlöchert, die nur ein Ja oder ein Nein als Antwort zulassen. Eine Unterhaltung basiert auf Rede und Gegenrede. Meine Schwester sprudelt und sprudelt und sprudelt. Wie ein Wasserfall – wenn ich nicht aufpasse ertrinke ich. Da bleibt nur eins: Reißleine ziehen und gegenhalten. Ich starre sie also an – ein langer starrer Blick nach vorne, zum Untermauern meiner nachfolgenden, gedehnten Gegenfrage: „MUSST  DU  IMMER  SO  VIELE  FRAGEN  STELLEN?“

Ups – das hat gesessen. Zumindest kurz. Was genau meint er mit „viele Fragen“? Ich hab doch nur einen Vorschlag gemacht! Ich übergehe seine kleine starre Anwandlung und werde mir später Gedanken dazu machen. Jetzt gehen wir erst mal in die Kantine Eis essen – ODER?

Unterstützung visus Bemutterung

Ich denke über die Worte meines Bruders nach und stelle mich selbst unter Beobachtung –  in meinem Tun, meinen gutgemeinten Vor- und Ratschlägen sowie meinen gestellten Fragen. Und wie ich so darüber nachdenke und mein Verhalten von außen betrachte wird mir plötzlich klar, was er meint. Ich möchte ihm sein schweres Leben erleichtern, unsere gemeinsame Zeit planen, seinen geschwächten Armen und Beinen die Arbeit abnehmen – arbeite so jedoch unbewusst und ungewollt kontraproduktiv und nicht im Sinne der Reha-Maßnahme. Mein Bruder ist hier, um nach den Schlaganfällen wieder Selbstständigkeit zu erlangen, während ich dabei bin, in die Gegenrichtung zu arbeiten. Da wird die Unterstützung schnell mal zur Bemutterung und die gut gemeinte Hilfe kann etwas von Mitleid an sich haben. Und das darf nicht in meinem Sinn sein. 

Mein Bruder ist erwachsen – ob mit oder ohne körperliche Behinderung – das „Bemuttern“ sollte also ein Ende haben…