Vergesslichkeit 50 | 50plus: die neue Olympia-Disziplin

Vergesslichkeit 50 | 50plus: die neue Olympia-Disziplin

10. März 2019 Aus Von Anja Brasche

Es ist ja kein Geheimnis – verbrennt unser Körper mehr Kalorien als er aufnimmt, purzelt das Gewicht. Es schlägt zwar keine Rollen rückwärts, aber immerhin: das Kaloriendefizit lässt Röllchen verschwinden. Wenn wir also etwas aus dem Gedächtnis verlieren, müssen wir oftmals unser Schrittpensum erhöhen und daher sagt der Volksmund: was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen:

Vergesslich: Kohlenhydrate sind wichtig für unser Gehirn

Regelmäßiges Essen ist wichtig. Unser Körper benötigt Kalorien, sie treiben unsere Maschine an und außerdem sind Kohlenhydrate wichtig für das Gehirn! Spagetti Bolognese wäre also eine gute Wahl. Ich greife mir einen großen Topf, fülle Wasser hinein, stelle das Ceranfeld an und den Topf darauf – wie man das eben so macht. Hackepeter hab ich frisch gekauft, die haltbaren Vollkorn-Trockenteigwaren,  Zwiebeln und das geschälte, entkernte und passierte rote Tomatenfleisch in Dosen benötige ich aus dem Keller. Auf dem Weg schnappe ich mir eben noch den leeren, grauen Wäschekorb, der seit gestern am Treppenabsatz wartet – ist eben kein Privatpatient. Ein leises Knarren einiger Holzstufen begleitet mich auf den Weg nach unten.

Kurzzeitgedächtnis adieu: Schimmelpilze mit Zitronenduft

Ich parke eben noch den Korb im Wäscheraum, als mir ein blinkendes orangefarbenes Licht signalisiert: die Waschmaschine ist fertig – seit gestern. Die Heinzelmännchen sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ich habe zwar Hunger, aber nicht auf Schimmelpilze. Also schnell noch die doch noch nach Zitrone duftenden Kleidungsstücke aus der Trommel geholt. Mit bunten Gute-Laune-Klammern hänge ich sie an die in Augenhöhe befindliche Wäscheleine. Viele kleine Sachen, das braucht nu mal etwas Zeit. Doch schließlich wird aus einem „to do“ ein „done“ – geschafft! Mit diesem befreienden Gefühl trete ich den Rückweg an und überlege was heute im Haushalt noch so auf mich wartet. Irgendwas war, komme ich aber grad nicht drauf. Egal, der Tag ist ja noch lang. Auf dem Weg zur Küche höre ich Geräusche: DAS NUDELWASSER. Es befindet sich bereits im gasförmigen Zustand, Wasserdampf hüllt die Küche in Nebel ein – vernebelt ist wohl auch mein Gedächtnis, das mich soeben im Stich gelassen hat. Und schon male ich mir aus, was alles hätte passieren können, wenn ich so Gedankenverloren das Haus für längere Zeit verlassen hätte. In meinen Vorstellungen sehe ich Blaulicht und höre Sirenen.

Alzheimer mit Freudensprüngen

Ich schüttele mich kurz, nehme den Topf vom Herd und nutze auf dem Weg in den Keller gleich die Gelegenheit, die Einkäufe von heute Vormittag mit runterzunehmen. Erneut begleitet mich bei einigen Stufen ein leichtes Knarren. Irgendwie wirkt das immer wiederkehrende Geräusch beruhigend auf mich. Ich stelle den vollen Einkaufskorb im kalten Vorratsraum auf den gefliesten Boden und überlege nur einen kleinen Moment, ihn einfach so stehen zu lassen. Diese Faulheit würde meinen Aufenthalt hier unten immerhin verkürzen. Aber ich entscheide mich für die Ordnung – fürs Einsortieren – für einen übersichtlichen Zustand. Alle Sachen finden nach und nach ihren Platz – zum Schluss kommen die Knabbersachen oben rechts zu den Süßigkeiten. Genau dort, wo mein Blick auf eine angefangene Tafel Schokolade und eine offene Kekspackung fällt. Schon läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich brauch auch gar nicht lange zu überlegen, die Entscheidung ist bei offenen Packungen eh nicht so schwer für mich. Die rechte Hand stielt sich zur Schokolade und genüsslich verschwinden einige der süßen Vollmilch-Stückchen im Mund – meine Geschmacksrezeptoren machen Freudensprünge. Ich kann die Endorphine förmlich spüren und meine Laune steigt immens. Beschwingt nehme ich den leeren Einkaufskorb und erinnere mich an die wärmenden Sonnenstrahlen draußen. Ich überlege, auf welche Art ich mich nachher noch sportlich betätigen könnte und stiefele voller Vorfreude auf einen ausgedehnten Lauf nach oben.

Demenz: 50 plus trainiert für Olympia

Ich betrete die Küche und mein Puls steigt sekundenschnell von 80 auf 140. Mein Gesicht wird rot und heiß. Und nein, es ist keine Hitzewelle, sondern eine aufsteigende Angst. Wie kann ich nur so Gedankenverloren sein. Sind das Anzeichen von beginnender Demenz oder Alzheimer? Eins ist mal sicher: bei der Olympiade der Disziplin ‚Vergesslichkeit‘ wäre ich im Bundeskader. Ich sehe schon die Plakate: „Die Generation 50 trainiert für Olympia“! Verlegen trete ich den Weg nach unten ein drittes Mal an und wiederhole fortlaufend: „Nudeln, Ziebeln, Dosen – Nudeln, Zwiebeln, Dosen…..“ bis ich unten im Vorratsraum angelangt bin. „Nudeln, Ziebeln, Dosen“. Ich greife mir, während ich immer noch alles stetig vor mir hinbrabbele „Nudeln, Zwiebeln, Dosen…“ , alle Sachen und flitze wieder nach oben. Stillschweigend bereite ich das Essen zu. Dabei mache ich mir schon so meine Gedanken. Bin ich vergesslicher als früher? Oder einfach nur gestresst und unkonzentriert? Mir ist das echt peinlich und ich beschließe hier Stillschweigen zu bewahren.

Ich nehm’s sportlich. Im Grunde habe ich ja gar nichts aus dem Gedächtnis verloren, es ist mir bloß in die Beine gerutscht!