Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule (HWS) mit 50plus

Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule (HWS) mit 50plus

17. September 2019 Aus Von Anja Brasche

Unser Leben ist wie ein Uhrwerk. Es dreht sich gleichmäßig und die meiste Zeit haben wir einen festen Rhythmus. Werktags wird gearbeitet, das Wochenende bietet Zeit zum Rundumputz von Haus oder Wohnung und zwischenzeitlich erleben wir Stunden mit Familie, Sport, Veranstaltungen, Feiern oder Freunden. Unterbrochen wird dieser Rhythmus durch Urlaubstage, Feiertage und … selten auch durch Krankentage. Streikt das Zählwerk einer Uhr hilft hier meist schon ein Batteriewechsel. Was aber ist, wenn unser Körper streikt? Bandscheibenvorwölbungen in der Halswirbelsäule reißen mich für einige Zeit aus meinem Rhythmus:

Entspannung in falscher Körperhaltung

Heute Morgen lasse ich es mir gut gehen – genieße meinen Lottogewinn, einen seltenen freien Vormittag mitten in der Woche. Mit einer Tasse Kaffee im Bett und dem Handy in der Hand fühle ich mich rundum wohl. Ich habe Zeit. Das Fenster ist bei frühem Sonnenschein und molliger Wärme weit geöffnet. Draußen zwitschern fröhlich die Vögel, das steckt an! Nichts und niemand drängt mich, nichts und niemand bringt mich jetzt noch aus der Ruhe. Viele anstrengende, aber schöne Tage liegen hinter mir – dieser Morgen kommt also wie gerufen. Ich nutze meine freie, wertvolle Zeit und lasse mich gemütlich und entspannt im Bett sitzend treiben. Anderthalb bis zwei Stunden später fühle ich mich völlig ausgeruht, richtig wohl in meiner Haut und freue mich auf den freien sonnigen Tag.

Zielscheibe Schulterblatt – Stechende Schmerzen

Doch kurz nach dem Aufstehen bemerke ich eine Art Messerstich genau im linken Schulterblatt. Hier scheint ein Nerv sein Späßchen mit mir spielen zu wollen. Nur zu, für Spaß bin ich heute zu haben – ist ja nicht das erste Mal und meist hilft mir Wärme mit Bewegung. Also spiele ich mit: Ich falle in meine Laufschuhe und absolviere eine zehn Kilometer-Laufstrecke durch warme und prickelnde Sonnenstrahlen – auch hier lasse ich mich nicht drängen, aber auch hier verfolgt mich weiterhin das stechende Gefühl im oberen, linken Rückenbereich. Im Laufe des Tages wird es intensiver, so als dreht mir jemand ein Messer an ein und der gleichen Stelle im Schulterblatt hin und her; schon jetzt halten mich diese Schmerzen von einer längeren Autofahrt ab. Den für heute geplanten Besuch bei meinem Bruder muss ich leider absagen. Aus dem Spiel scheint Ernst zu werden!

Schnecken-Yoga: Bewegung bei Schulterschmerzen und Armschmerzen

Am nächsten Tag verordnet mir der „Mann in weiß“ Schmerzmedikamente und Bewegung. Beides führe ich die darauffolgenden Tage brav aus, aber mein Zustand verschlechtert sich. Laufe ich sonst zehn bis zwanzig Kilometer, absolviere ich nun einen schleichenden Spaziergang von zwei Kilometern und das auch nur, indem ich alle paar Meter anhalte und meinen Körper nach vorne und unten gebeugt ausdehne – Schnecken-Yoga. Den Medikamenten zum Trotz zwingen mich meine Schmerzen immer öfter in eine Schonhaltung.

Die Badewanne: Falle statt Rettungszone 

Eine Tage später verordnete und behutsam durchgeführte Krankengymnastik bringt nur für den Augenblick wohltuende Empfindungen bei weiterhin anhaltenden Schmerzen; und auch eine Spritze bringt nicht die erhoffte Erleichterung. Arbeitstechnisch werde ich nun stillgelegt und ein Termin beim Orthopäden wird vereinbart.

Aufgrund heftigster Schmerzen und einer mittlerweile im Oberkörper befindlichen Bewegungsunfähigkeit muss dieser jedoch notfallmäßig vorgezogen werden. Nix läuft mehr bei mir – auch die Badewanne nicht. Diese anfangs für mich fast schmerzfreie Rettungszone wird nun eher zur Falle. Wie in Trance wasche ich mir darin die Haare, habe aber Schwierigkeiten aus dieser manhattenfarbenen Aushöhlung wieder herauszukommen. Wirbel für Wirbel drücke ich mich ins Sitzen und schaffe erst beim dritten Versuch und nur unter höchster schmerzhafter Anstrengung ein Entkommen aus diesem Gefängnis. Die Sorge dort vom Notarzt herausgehievt werden zu müssen, scheint doch ungeahnte Kräfte frei werden zu lassen. Schlabber-T-Shirt, Trainingshose, Socken und Schlappschuhe finden auf unerklärliche Weise ihren Weg an meinen Körper, die grauen Haare müssen von alleine trocknen und hängen mir platt und wild am Kopf. Das Bild einer vornübergebeugten buckeligen und alten Hexe schießt mir durch den Kopf, während Schmerzen meine obere linke Körperhälfte durchfluten. Mir ist grad alles egal, ich will Hilfe – professionell und sofort – glaube plötzlich an Zauberei.

Mit dem Teufel zum Orthopäden-Notfall-Termin

Die Autofahrt zum Orthopäden ist wie eine Fahrt durch die Hölle. Jede Kurve, jedes geringste Bremsen, jedes Anfahren und jede Unebenheit im Straßenbelag erschüttert meinen Körper. Den linken Arm klemme ich angewinkelt hinter die Kopflehne, während uns mein Stöhnen die gesamte Fahrt begleitet – und es klingt nicht gerade lustvoll! In der Praxis angekommen fehlen mir Kraft und Worte. Mein Mann regelt alles bei der Anmeldung, während ich entweder im Sitzen ganz vornübergebeugt oder im Stehen, an vorstehenden Leisten der Wand festgekrallt, die Minuten bis zum Aufrufen irgendwie hinter mich bringe. Mit an Bord das Starren anderer Patienten mit einer Portion fettem Mitleid in den Gesichtern. Ich fühle mich in Wehen weitentfernter Jahre zurückversetzt, es fehlt nur der dicke Bauch. Wieso wache ich nicht einfach auf? Wo verdammt ist die „Versteckte Kamera“?

Ich krieg ein Foto – trotz schlechter Körperhaltung

Mein Name ertönt durch den Lautsprecher. Ich quäle mich zum Untersuchungsraum – die Rettung naht. Nach kurzer Begutachtung geht’s gleich in die Warteschlange vor dem Röntgenraum. Wieder warten, wieder mitleidige Blicke. Während des nachfolgenden Durchleuchtens kann ich meinen Kopf kaum noch hoch halten und ein gerades Stehen ist mir unmöglich. Was soll’s, mit dieser schlechten Haltungsnote bekomme ich ja trotzdem ein Foto – Heidi Klum wäre fassungslos. Das Röntgenbild bringt dann die Offenbarung: meine Wirbelsäule ist nicht mehr jugendlich! NEIN! Haltungsschäden, eine Verkrümmung, ein sehr wahrscheinlicher Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule und eine Überweisung zum MRT folgen Einrenkungen einiger Brustwirbelkörper. Eine Halskrause und weitere Schmerzmedikamente sollen mein Leben in den nächsten Tagen versüßen. Auch hier wieder der erhobene Zeigefinger: Bewegung – Bewegung – Bewegung.

Ameiseninvasion: Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Fingern

Die nächsten Tage überlebe ich, aber nur mit Halskrause. Sie ermöglicht mir einige Schritte in Haus und Garten. Geringste Unebenheiten des Bodens lassen mich meine Muskeln, Nerven und Halswirbel schmerzhaft spüren, mein Kopf wirkt tonnenschwer und die linksseitigen Beschwerden erhöhen ihre Intensität. Ziehende, aber auch drückende, reißende und kaum auszuhaltende Schmerzen entladen sich vom Schulterblatt bis zum Handgelenk. Einige Finger beginnen zu kribbeln bzw. verfallen in eine Taubheit. Manchmal fühle ich mich wie im Ameisenhaufen. Am Schlimmsten aber sind die hier so oft erwähnten und anhaltenden Schmerzen.

Seitenlage – Gymnastikball – Kauerstellung – Badewanne

Fernsehen, lesen, unterhalten – nichts davon ist mir grad möglich. Möchte alleine sein, in Ruhe gelassen werden – starre tagelang aus dem Fenster und versuche Minute um Minute, Stunde um Stunde, Tablette um Tablette den Schmerzen entgegenzuwirken und diese Zeit irgendwie zu überstehen. Vier schmerzreduzierende Haltungsmöglichkeiten sind mir tagsüber und nachts geblieben. Liegend auf der rechten Seite, vornübergebeugt auf dem Gymnastikball, in gebeugter Kauerstellung  auf der Gymnastikmatte oder ausgestreckt in der heißen Badewanne, die meinen Kreislauf jedoch nach kurzer Zeit in den Abgrund reißt. Nachts keine zwei Stunden Schlaf am Stück; oft fallen mir in der Dunkelheit die Augen zu, während ich über dem neu erworbenen, apfelgrünen und noch stinkenden Gymnastikball liege oder in Kauerstellung auf die Gymnastikmatte sinke. Noch nie in meinem Leben habe ich mehrere Tage derart gefühlt, derart Schmerzen durchstehen müssen, derart Hilflosigkeit gespürt. Ich wünschte aus dem schlimmen Albtraum endlich aufzuwachen, aber nichts dergleichen geschieht. Ich kneife mich mehrmals, aber das tut weh. Mein Blick geht auf die Medikamentenpackung, die vor mir auf dem Tisch liegt – 20 Tabletten – 5, 10, 20 Stück auf einmal – wären dann die Schmerzen für kurze Zeit weg? Ich nutze das bisschen Hirn was mir noch geblieben ist und verwerfe den Gedanken genauso schnell wie er gekommen ist. Irgendwann muss es doch besser werden!

Kyphosierung – Spinalkanalstenose – Bandscheibenprotrusion – Intervertebralforamen-Stenosen

Das zwischenzeitlich erstellte MRT (Magnetresonanztomographie) offenbart eine ausgeprägte Fehlhaltung der Halswirbelsäule, eine leichte Verengung des dortigen Wirbelkanals, zwei breite Bandscheibenvorwölbungen und dadurch erfolgte Einengungen der Nervenaustrittslöcher. Hört sich nicht besonders gut an finde ich, aber endlich eine Diagnose. Die Schmerzen haben nun ihre Ursache gefunden, ständiges W-Grübeln (wieso, weshalb, warum) können eingegrenzt werden!

Positive Gedanken

Es wird langsam besser. Nur minimal, Millimeter für Millimeter. Aber es wird besser. Ich merke es nicht in den Tagesverläufen, sondern beobachte das Ganze rückwirkend. Die nächtlichen Schlafunterbrechungen für Gymnastikball und –matte werden seltener, die Wasseruhr dreht sich nicht mehr ständig nur für die Badewanne, der Stromverbrauch für Mikrowelle und Körnerkissen reduziert sich, statt drei Fingern ist nur noch einer taub, ich kann im Fernsehen einen Film komplett verfolgen und auch schon mal mehrere Sätze im Zusammenhang lesen. Schmerzen sind weiterhin da, begleiten mich von morgens bis abends und auch nachts, ich kann sie jedoch mittlerweile gut aushalten – mit Haltungsänderungen, leichter Bewegung und positiven Gedanken. Mit dem letzteren ist das so eine Sache. Sie kommen und sie gehen wieder. Je nach Tagesverlauf und je nachdem, was mir an Abwechslung möglicher wird. Und hier meine ich nicht weit entfernte Hausarbeit oder Sport, sondern die Fähigkeit, wieder längere Zeit im Liegestuhl statt rechtslagig auf dem Sofa zu verbringen, ein wenig auf einem richtigen Stuhl zu sitzen oder Handy- und Mail-Nachrichten schriftlich zu beantworten – so vergehen die Minuten, die Stunden und auch die Tage etwas schneller, ich bin abgelenkt und kann die körperlichen Angriffe besser verarbeiten.

Baustelle Körper: Fehlhaltungen vermeiden

Mittlerweile schon wochenlang der Arbeitswelt entrückt, geht es dem Körper in kleinsten Schritten immer besser. Zwei bis drei Kilometer Schnecken-Spaziergänge sind nun machbar und auch eine zeitlang auf einem normalen Stuhl am Tisch sitzend kann durchaus als Fortschritt betrachtet werden. Einige Schmerzen und Empfindlichkeiten gehen, andere gesellen sich dazu. Das Gesamtbild bessert sich allmählich, auch wenn das Ende bis dato noch offen ist. Krankengymnastik wird die nächsten Wochen meine Begleiterin sein.

Bewegung prägt mein Leben – ich betreibe viel Sport und ernähre mich weitgehend gesund. Aber viele Stunden vor dem Computer sitzen, ein Verharren mit Handy oder Buch in falscher Sitzhaltung und die allgemeine Sitzposition vor dem Fernseher und beim Chillen müssen überdacht und geändert werden. In der Generation plus verzeiht der Körper nicht mehr so schnell! Wir können uns die Haare färben, modisch anziehen, Falten übermalen – doch unsere Wirbelsäule können wir nicht schminken. Wir müssen auf sie Acht geben und an Fehlhaltungen arbeiten – Bewegung und Sport ist wichtig, reicht aber oft alleine nicht aus, um unsere Wirbelsäule zu schützen.

Alles wird gut werden

All denen, die wirbelsäulenbedingte oder auch anderweitige Schmerzen durchstehen müssen, wünsche ich ebenfalls viel Geduld, Kraft, positive Gedanken, Freunde zum Reden, Ärzte des Vertrauens und vor allem schnelle Arzttermine. Haltet durch, aber lasst euch nicht durchhängen …und entspannt in der richtigen Körperhaltung 😉